Buch Synopse (dt.)

Buchsynopse von Bianca Hoenig und Hannah Wadle

Eine Landkarte lässt sich nicht nur nach geographischen, politischen oder ethnischen Gesichtspunkten zeichnen. Die Frage nach touristischen Orten und Regionen eröffnet eine eigene Perspektive auf Raum, welche einerseits die geographische Beschaffenheit sowie die Existenz spezieller Infrastrukturen widerspiegelt, andererseits Träume und Sehnsüchte einfängt. Die Karte touristischer Sehnsuchtsorte gibt so unmittelbar Aufschluss über den Zusammenhang und die Wechselwirkungen zwischen physischem und vorgestelltem Raum, über politischen und wirtschaftlichen Wandel ebenso wie über Konjunkturen von Lebensstilen.

Das östliche Europa mag den meisten Menschen nicht als erstes in den Sinn kommen, wenn es um Sehnsuchtsziele für eine Urlaubsreise geht. Dennoch eröffnet der Blick auf touristische Sehnsuchtsorte gerade für das östliche Europa neue Sichtweisen: Dieser Raum zeichnet sich historisch und bis heute durch ethnische, sprachliche, religiöse, kulturelle und landschaftliche Vielfalt aus und ist geprägt von der häufig mit Gewalt verbundenen Abfolge unterschiedlicher politischer Realitäten. Daraus ergab sich eine häufig konfliktreiche Mehrfachvereinnahmung von Orten, Ereignissen und Symbolen durch verschiedene Kollektividentitäten. Dieses Phänomen wird oft mit Pierre Noras Konzept der Erinnerungsorte beschrieben. Wie können wir jedoch die Imaginationen und Sehnsüchte fassen, die aus eben diesen politischen Verwerfungen, dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel im östlichen Europa hervorgingen? Dieses Bandprojekt schlägt einen Blickwinkel vor, der Affekte, Projektionen und Utopien, die Menschen und Orte verbinden, ins Zentrum des Forschungsinteresses rückt und deren wechselseitige Einflüsse thematisiert. Dabei geht es nicht um die Untersuchung bloßer Imaginationen und Traumbilder, denn gerade im Tourismus sind Fiktion und Realität untrennbar miteinander verbunden und müssen in ihrem Wechselspiel betrachtet werden.

Tourismus als gesellschaftliches Phänomen und kulturelle Praxis stellt dabei den Rahmen dar, in dem solche Sehnsüchte und Imaginationen entstehen, wirken und sich verändern. Man denke nur an die SowjetbürgerInnen, die von einer Reise in den Westen träumten, Vertriebene, die nach vielen Jahren ihrer ehemaligen Heimat einen Besuch abstatten, aber auch an Planer, Architektinnen, Malerinnen und Schriftsteller, deren Werke das Bild eines Ortes prägen, oder an die Tourismusindustrie, die mit vergangenen und gegenwärtigen Reizen ihrer Destinationen wirbt – sie alle hatten und haben Anteil an der Schaffung und Aktualisierung einer ‚Karte der Sehnsucht‘ des östlichen Europa. Die Beiträge des im Jahr 2018 erscheinenden Sammelbandes beziehen sich auf den Zeitraum vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Gegenwart. Diese rund 70 Jahre bilden das Zeitalter des Tourismus als globales Massenphänomen ab und liefern damit ein breites Spektrum für die Erforschung touristischer Sehnsuchtsorte.

Der provokante Titel „Eden für jeden?“ verweist auf das komplizierte Verhältnis zwischen touristischem Sehnen und gesellschaftlichen Realitäten im sozialistischen wie postsozialistischen östlichen Europa. Insbesondere seit der Teilung Europas durch den „Eisernen Vorhang“ nach dem Zweiten Weltkrieg waren große Teile des Kontinents nicht mehr zugänglich. Die individuellen Bewegungsradien waren deutlich eingeschränkt und die Weltsicht so umfassend wie nie zuvor ideologisch geprägt. Durch die massiven Grenz- und Bevölkerungsverschiebungen konnten neue Orte angeeignet, andere mussten jedoch zurückgelassen werden und blieben jahrzehntelang unerreichbar. Daneben entstanden Urlaubsdestinationen, deren Konzepte, Architekturen und Nutzungen von den offiziellen Zielsetzungen der sozialistischen Regime geformt waren. Die jeweils unterschiedlich motivierten Sehnsüchte nach Unzugänglichem, Vergangenem, oder aber nach neu Imaginiertem oder gar Utopischem wurden eine bestimmende Größe bei der Raumvorstellung und -erfahrung.

Mit dem Fall des Sozialismus sind die politischen Reisebeschränkungen zwar weitgehend aufgehoben. Erneute Grenzänderungen, neue Staatenbildungen und die postsozialistische Transformation haben aber auch im Tourismus eine Eigendynamik in Gang gesetzt, die neue Sehnsüchte hervorbringt. Mit der Neubestimmung der eigenen Position auf den europäischen mental maps haben sich zahlreiche Ziele der Sehnsucht verschoben, wurden abgewertet gegenüber neuen Orten oder sind gar gänzlich verschwunden. Unter den Bedingungen des ungebremsten Kapitalismus ist darüber hinaus die Privatwirtschaft zu einem entscheidenden Faktor in der Tourismusindustrie geworden. Von der staatlich garantierten Sozialmaßnahme hat sich die Urlaubsreise zum Statussymbol der wachsenden Mittelklasse gewandelt.

Der geplante Band versteht sich als Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Erforschung des östlichen Europa seit 1945. Touristische Sehnsuchtsorte lassen sich selbstverständlich auch zu früheren Zeiten und in anderen Gegenden finden, für deren Untersuchung der Band Anstöße geben kann. Seine Thematik kann somit auch Anknüpfungspunkte für die allgemeine Tourismusforschung bieten. Bisher sind empirische Forschungsbefunde zu dieser Region wenig bei der wissenschaftlichen Theoriebildung berücksichtigt worden. Die Tourismusforschung geht weiterhin überwiegend von westeuropäischen und amerikanischen Tourismuskulturen und Reisetraditionen aus. In den hier versammelten Beiträgen kommt der enge Zusammenhang von politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozessen mit der Herausbildung touristischer Destinationen, Imaginationen, Erfahrungen und Narrative deutlich zum Ausdruck. Touristische Sehnsüchte sprechen über die Verfasstheit und Dynamik der Gesellschaften, in denen sie entstehen. Sie verweisen uns besonders auf das, was manchmal nur zwischen den Zeilen steht: Zwänge, Unfreiheit, Ungleichheiten, Verluste, aber auch Moralvorstellungen, Ideale, Zugehörigkeiten, Visionen. Sie eröffnen uns andere Topographien: Gefühlslandschaften, imaginierte Orte und Erfahrungsräume.

Die Grundlage der Publikation bilden die Vorträge eines im Oktober 2012 in Basel abgehaltenen Workshops, ergänzt durch weitere Beiträge. Die Beiträge bieten Fallstudien zu touristischen Sehnsüchten und Sehnsuchtsorten in Mittel- und Osteuropa und schlagen verschiedene Ansätze zu ihrer Erforschung vor. Die Untersuchung touristischer Sehnsuchtsorte eröffnet eine Perspektive auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse, in der Emotionen, Praktiken, Infrastrukturen und Räumlichkeit in Zusammenhang miteinander betrachtet werden. Darüber hinaus schlägt sie einen Bogen zwischen Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit einerseits und zwischen Realität und Fiktion andererseits und bezieht ein breites Feld an AkteurInnen ein. Geographisch bieten die Beiträge ein Panorama, das die gesamte Region Mittel- und Osteuropa abbildet. Das Spektrum der in diesem Band versammelten Sehnsuchtsorte reicht von der Sowjetunion bzw. dem postkommunistischen Russland über die Ukraine hin zur DDR, Polen, der Tschechoslowakei und Südosteuropa.

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